Seit rund einem Jahr gibt es das Clean-Core-Level-Konzept der SAP. Es löst das alte 3-Tier-Modell ab und bewertet bestehenden Z-Code nicht mehr binär in „clean" oder „nicht clean", sondern in vier Stufen von A bis D. Ganz unten steht Level D: Dinge, die von der SAP aktiv abgeraten werden: Nutzung von „noAPI"-Objekten, Modifikationen, implizite Enhancements, direkte Tabellenzugriffe. Also genau das, was sich in zwanzig Jahren gewachsener Codebasis reichlich angesammelt hat.

In einer Schulung fragte mich neulich ein Kunde: „Und wie machen das die anderen?" Gute Frage. Also habe ich im DSAG-Forum eine Umfrage gestartet – bewusst nur für SAP-Anwendungsunternehmen, keine Beratungshäuser. 65 Antworten liegen inzwischen vor. Das Ergebnis ist interessant.
Die Zahlen
Wie geht Euer Unternehmen mit Level-D-Code um?
| Antwort | Stimmen | Anteil |
|---|---|---|
| Aktiver Abbau: geplantes Refactoring in Richtung höherer Level | 9 | 13,8 % |
| Anlassbezogen: Umbau nur, wenn ein Objekt ohnehin angefasst wird | 21 | 32,3 % |
| Bewusstes Stehenlassen: läuft, wird nicht angefasst | 8 | 12,3 % |
| Keine bewusste Strategie vorhanden | 20 | 30,8 % |
| Was bedeutet Level D? 🙂 | 7 | 10,8 % |
| Wir sind auf S/4HANA Public Cloud – Level D gibt es bei uns nicht | 0 | 0 % |
Fünf Beobachtungen
1. Nur jeder Siebte räumt aktiv auf
13,8 % betreiben geplantes Refactoring in Richtung höherer Level. Das ist die Gruppe, die Level D als technische Schuld sieht und Zeit und Geld hat, das Thema anzugehen. Alle anderen haben entweder gute Gründe zu warten – oder gar keine Gründe, weil sie sich die Frage nie gestellt haben.
2. „Anlassbezogen" ist der heimliche Sieger
Mit 32,3 % ist der pragmatische Mittelweg die häufigste bewusste Strategie: Wer ein Objekt sowieso anfasst, hebt es dabei auf ein höheres Level. Das ist die Boy-Scout-Rule von Robert C. Martin aus dem Buch "Clean Code". Zusammen mit den aktiven Aufräumern sehen damit rund 46 % grundsätzlich Handlungsbedarf. Zumindst ganz langfristig werden die Schulden abgebaut.
Die Mehrheit von 54 % kümmert sich nicht um das Thema.
3. Mindestens 41 % fahren ohne Karte
Hier wird es interessant: 30,8 % haben keine bewusste Strategie, weitere 10,8 % kennen das Level-Konzept gar nicht. Macht zusammen über 41 %, die ihrem Level-D-Code weder einen Plan noch eine Entscheidung entgegensetzen. Der Unterschied zum „bewussten Stehenlassen" ist im Ergebnis beim nächsten Upgrade nicht groß.
4. Jeder Zehnte hat noch nie davon gehört
Ein Jahr nach Einführung des Level-Konzepts wissen 10,8 % der Antwortenden nicht, was Level D bedeutet. Und das im DSAG-Forum. Man darf annehmen: Außerhalb der aktiven DSAG-Forumsbesucher sieht die Quote erheblich schlechter aus. Die Kommunikation der SAP ist offenbar noch optimierbar.
5. Public Cloud: null
Keine einzige Antwort von Public-Cloud-Kunden. Natürlich: Die Umfrage lief in einem Umfeld, in dem klassische Bestandssysteme dominieren, und wer keine Z-Codebasis hat, klickt vermutlich gar nicht erst auf die Umfrage. Aber die Null ist trotzdem ein Datenpunkt. Die Welt, in der es per Definition kein Level D gibt, ist bei der DSAG bisher schlicht nicht sichtbar.
Einordnung
Die freundliche Lesart: Fast die Hälfte der Unternehmen hat eine bewusste Position zu Level D – vom aktiven Abbau bis zum kalkulierten Stehenlassen.
Die andere Lesart: Über 50% gehen das Thema nicht an. Und genau diese Unternehmen trifft es später am härtesten – bei Release-Upgrades, beim Umstieg auf ABAP Cloud, oder wenn die Modifikation von 2009 plötzlich ein Projekt blockiert. Und der Level-D Code ist nur die Spitze vom Eisberg. Auch Level-C ist zweifelhaft.
Bei Unternehmen, bei denen in der S/4HANA Migration alles nach Plan verlief und die Aufwände gering waren, gibt es keinen Handlungsbedarf - da ist auch eine Strategielosigkeit in Ordnung. Für alle anderen kan man nur empfehlen, sich mit dem Konzept zu beschäftigen und zumindest die Spitze des Level-Eisbergs anzugehen.
Die Umfrage läuft weiter – wer als SAP-Anwendungsunternehmen noch nicht abgestimmt hat: Hier geht's zur Umfrage. Stand der Zahlen: Juli 2026, n = 65.



